Dehms Musik-Kritik

Der Liedermacher und Bundestagsabgeordnete Diether Dehm (DIE LINKE) bewertet Neuerscheinungen.

Diether Dehm

Hartmut König: Sag mir, wo du stehst

Hartmut König hatte einst das, was Bild gern als »SED-Privilegien« verbellt. So hat er auch gar nicht erst versucht, seine gerade veröffentlichte Biografie auf »heimlichen Bürgerrechtler« umzufrisieren. Er zupft die Gitarre zwar weniger extravagant als Biermann. Aber, er singt heute noch gegen NATO-Bomben! Nicht mehr als stellvertretender Minister. So klingt sein Mitsinglied auch glaubwürdiger denn je: »Sag mir, wo du stehst«. Er ist stehen geblieben. Trotz Genickschlägen. Nicht bei der DDR von damals, sondern bei heutigen Widerständlern gegen das Finanzkapital. Deren kleine Geschichten aus der großen Geschichte neu zu singen.

Wincent Weiss: Irgendwie Anders

Viele Köche verderben den Sprachbrei. Gleich 22 Co­Autoren versuchten sich an 13 Werken. In so kapitalfreundlicher wie tiefgründiger Oberflächlichkeit. Die CD als zusammengepresstes ­Anpassungsgranulat! Nur der Titel ist irreführend. 

Dido: Still On My Mind

Allein eine einzigartige Stimme bringt’s halt nicht. Wenn die Werke derart lahm runtergedudelt werden. Tauschwert: sexfrei und political correct. Gebrauchswert: vorzugsweise in Fahrstühlen.

Suzi Quatro: No Control

Mit fast 70 Jahren immer noch pure Power. Und dies in Zusammenarbeit mit dem eigenen Sohn. Alles in allem: voller Sex und Rock ’n’ Roll = Vorboten eines geilen dritten Lebensabschnitts. Den wir in Zukunft erkämpfen sollten. Nieder mit dem Jugendwahn!

Bücherkiste

Der Virologe Hendrik Streeck diskutiert Lehren aus der Corona-Krise: „Wir müssen Strukturen etablieren, die uns auch in Zukunft in die Lage versetzen, Pandemien situationsbedingt gemeinsam bekämpfen zu können und souveräner zu handhaben.“ Das Pflegepersonal verdiene mehr Lohn, bessere Arbeitszeiten „und vor allem mehr Kollegen, damit man gemeinsam die Arbeitslast schultert“. Die Forschung müsse gefährliche Viren früher erkennen. Eine finanziell starke Weltgesundheitsorganisation könne schneller eingreifen, wo neue Krankheiten drohen.

Erhellende Analyse!

Hendrik Streeck:
Hotspot
Piper
192 Seiten, 18 Euro

Die Journalistin Julia Friedrichs zählt zur Arbeiterklasse Menschen, die gerade so über die Runden kommen: „Sie backen, mauern, kochen, putzen. Sie antworten am anderen Ende von Hotlines, bei Servicestellen, Verkaufsagenturen. Sie steuern Lkw oder Busse oder Müllwagen. Sie betreuen und bilden Kinder, pflegen Opa oder uns, wenn wir krank sind.“ Auch viele, die in Büros am Computer arbeiten, gehören für sie dazu. Ein Jahr lang hörte sie einigen von ihnen immer wieder zu, erfuhr ihre Alltagssorgen und unerfüllten Hoffnungen.

Berührende Pflichtlektüre!

Julia Friedrichs:
Working Class
Berlin Verlag
320 Seiten, 22 Euro

„Wohnen als existenzielles Bedürfnis ist ganz grundsätzlich mit den gesellschaftlichen Strukturen verbunden und hat nicht nur Auswirkungen auf viele Lebensbereiche“, schreibt der Soziologe Andrej Holm, „sondern wird auch entscheidend von den politischen und ökonomischen Verhältnissen in unserer Gesellschaft bestimmt.“ Gemeinsam mit Studierenden der Humboldt-Universität Berlin diskutiert er, warum Wohnen ein Menschenrecht ist, wie Wohnen als Wirtschaftsfaktor wirkt und als Streitthema präsent ist.

Facettenreiches Debattenbuch!

Andrej Holm (Hg.):
Wohnen zwischen Markt, Staat und Gesellschaft
VSA
248 Seiten, 16,80 Euro

BÜHNE

Hermann Josef Abs kalkulierte als Chef der Deutschen Bank die größten Verbrechen der Nazis. Der Kontroverse um den engen Berater von Bundeskanzler Adenauer widmet Diether Dehm ein Theaterstück. Aufgeführt vom freien Frankfurter Schauspielensemble im Fritz-Bauer-Saal, aufgezeichnet von Weltnetz.Tv

Diether Dehm:
ABS – Ein politische Theaterstück
weltnetz.tv, 01:38 h

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Franziska Böhler liebt ihre Arbeit als Krankenschwester und wünscht sich, »dass Pflegende ihren Beruf bis in den Ruhestand und ohne psychische und physische Beeinträchtigungen ausführen können« und später nicht in Armut leben. Doch ihr Arbeitsalltag wird von Fallpauschalen geprägt, den »unsichtbaren Preisschildern« der Patienten. Weniger Pflegekräfte betreuen immer mehr Menschen, mit dramatischen Folgen: »Es wird eher gestorben, wenn man qualifiziertes Personal einspart oder keines hat.« Ihr Buch enthüllt, wie krank das Gesundheitssystem wirklich ist.

Franziska Böhler, Jarka Kubsova
I’m a Nurse
Heyne
256 Seiten, 12,99 Euro

Bernd Riexinger wirbt für einen gesellschaftlichen Systemwechsel, weil die kapitalistische Wirtschafts- und Lebensweise von einer Krise in die nächste taumelt. Einkommen und Vermögen müssen umverteilt, die Industrie ökologisch umgebaut, der Sozialstaat neu geschaffen werden. »Dafür ist der linke Green New Deal kein Masterplan, sondern ein strategischer Vorschlag, wie wir eine bessere Welt gewinnen können. Die Ordnung der Herrschenden ist auf Sand gebaut.« Denn soziale Sicherheit, demokratische Transparenz und radikaler Klimaschutz gehören zusammen.

Bernd Riexinger:
System Change
VSA
144 Seiten 12 Euro

Anna Mayr erklärt, wie Armut durch Arbeitslosigkeit verhindert werden kann. Als Kind von Eltern ohne Jobs lernte sie früh, wie sich ein Leben mit Hartz IV anfühlt, und wie es ist, nicht dazuzugehören: »Eine gerechte Gesellschaft braucht deshalb nicht nur eine lebensfeste Sozialhilfe, sondern auch einen großen öffentlichen Sektor, der Menschen aufnimmt und ihnen Möglichkei-ten gibt, sich fortzubilden oder zu beschäftigen.« Im Kapitalismus gibt es nicht immer genug Arbeit. Wenn Menschen danach beurteilt werden, ob sie arbeiten, nimmt ihnen das ihre Würde.

Anna Mayr:
Die Elenden
Hanser Berlin
208 Seiten, 20 Euro

Cordt Schnibben fragt, warum Regierende weltweit zögerten, als die Gefahr der Corona-Pandemie heraufzog: »Wie in der Klimakrise und der Migrationskrise zeigen sich Politiker unfähig, offensichtlichen, grundlegenden Fehlentwicklungen und Risiken mit nachhaltigem Handeln zu begegnen. Brauchen wir erst die Eskalation der Bedrohung, um zu spät das zu befolgen, was uns die Eskalation erspart hätte?« Ein Team von Wissenschaftlern und Reportern zeichnet faktenbasiert und detailliert in einem Tagebuch spannend nach, wie sich Covid-19 über den Globus ausbreitete.

Cordt Schnibben, David Schraven (Hg.):
Corona
dtv
368 Seiten, 18,90 Euro

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Wie tickt ein »alter weißer Mann«? Zum Klischee dieser Spezies gehört auch, dass sie über Macht verfügt und fürchtet, sie zu verlieren. Die Feministin Sophie Passmann wollte herausfinden, was an diesem Bild stimmt. Sie interviewte einflussreiche Politiker, Künstler und Journalisten, darunter Kevin Kühnert, Claus von Wagner und Sascha Lobo.Ihre kurzweiligen Erinnerungen an diese Gespräche sind ein echtes Lesevergnügen, sie räumen mit vielen Vorurteilen über Männerherrschaft und Feminismus auf und beleben die Debatte darüber.

Sophie Passmann:
Alte weiße Männer. 
Ein Schlichtungsversuch.
Kiepenheuer & Witsch,
288 Seiten, 12 Euro

Woher nahm Meşale Tolu die Kraft, dem Erdoğan-Regime über Monate hinweg die Stirn zu bieten? Die Journalistin wurde im April 2017 verhaftet, weil die türkischen Behörden ihr vorwarfen, Terror zu unterstützen. Minutiös schildert sie, wie brutal die Polizisten sie und ihren zweijährigen Sohn bedrohten, erinnert den angespannten Alltag als politische Gefangene, die Auseinandersetzungen mit der Justiz. Vor allem mahnt ihr Buch, dass der Kampf für die Freiheit von Tausenden eingesperrten Oppositionellen, für die Presse- und Meinungsfreiheit weitergehen muss.

Meşale Tolu:
»Mein Sohn bleibt bei mir!«
Rowohlt Polaris,
192 Seiten, 12,99 Euro

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    Der Virologe Hendrik Streeck diskutiert Lehren aus der Corona-Krise: „Wir müssen Strukturen etablieren, die uns auch in Zukunft in die Lage versetzen, Pandemien situationsbedingt gemeinsam bekämpfen zu können und souveräner zu handhaben.“ Das Pflegepersonal verdiene mehr Lohn, bessere Arbeitszeiten „und vor allem mehr Kollegen, damit man gemeinsam die Arbeitslast schultert“. Die Forschung müsse gefährliche Viren früher erkennen. Eine finanziell starke Weltgesundheitsorganisation könne schneller eingreifen, wo neue Krankheiten drohen.

    Erhellende Analyse!

    Hendrik Streeck:
    Hotspot
    Piper
    192 Seiten, 18 Euro

    Die Journalistin Julia Friedrichs zählt zur Arbeiterklasse Menschen, die gerade so über die Runden kommen: „Sie backen, mauern, kochen, putzen. Sie antworten am anderen Ende von Hotlines, bei Servicestellen, Verkaufsagenturen. Sie steuern Lkw oder Busse oder Müllwagen. Sie betreuen und bilden Kinder, pflegen Opa oder uns, wenn wir krank sind.“ Auch viele, die in Büros am Computer arbeiten, gehören für sie dazu. Ein Jahr lang hörte sie einigen von ihnen immer wieder zu, erfuhr ihre Alltagssorgen und unerfüllten Hoffnungen.

    Berührende Pflichtlektüre!

    Julia Friedrichs:
    Working Class
    Berlin Verlag
    320 Seiten, 22 Euro

    „Wohnen als existenzielles Bedürfnis ist ganz grundsätzlich mit den gesellschaftlichen Strukturen verbunden und hat nicht nur Auswirkungen auf viele Lebensbereiche“, schreibt der Soziologe Andrej Holm, „sondern wird auch entscheidend von den politischen und ökonomischen Verhältnissen in unserer Gesellschaft bestimmt.“ Gemeinsam mit Studierenden der Humboldt-Universität Berlin diskutiert er, warum Wohnen ein Menschenrecht ist, wie Wohnen als Wirtschaftsfaktor wirkt und als Streitthema präsent ist.

    Facettenreiches Debattenbuch!

    Andrej Holm (Hg.):
    Wohnen zwischen Markt, Staat und Gesellschaft
    VSA
    248 Seiten, 16,80 Euro

    BÜHNE

    Hermann Josef Abs kalkulierte als Chef der Deutschen Bank die größten Verbrechen der Nazis. Der Kontroverse um den engen Berater von Bundeskanzler Adenauer widmet Diether Dehm ein Theaterstück. Aufgeführt vom freien Frankfurter Schauspielensemble im Fritz-Bauer-Saal, aufgezeichnet von Weltnetz.Tv

    Diether Dehm:
    ABS – Ein politische Theaterstück
    weltnetz.tv, 01:38 h

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    Franziska Böhler liebt ihre Arbeit als Krankenschwester und wünscht sich, »dass Pflegende ihren Beruf bis in den Ruhestand und ohne psychische und physische Beeinträchtigungen ausführen können« und später nicht in Armut leben. Doch ihr Arbeitsalltag wird von Fallpauschalen geprägt, den »unsichtbaren Preisschildern« der Patienten. Weniger Pflegekräfte betreuen immer mehr Menschen, mit dramatischen Folgen: »Es wird eher gestorben, wenn man qualifiziertes Personal einspart oder keines hat.« Ihr Buch enthüllt, wie krank das Gesundheitssystem wirklich ist.

    Franziska Böhler, Jarka Kubsova
    I’m a Nurse
    Heyne
    256 Seiten, 12,99 Euro

    Bernd Riexinger wirbt für einen gesellschaftlichen Systemwechsel, weil die kapitalistische Wirtschafts- und Lebensweise von einer Krise in die nächste taumelt. Einkommen und Vermögen müssen umverteilt, die Industrie ökologisch umgebaut, der Sozialstaat neu geschaffen werden. »Dafür ist der linke Green New Deal kein Masterplan, sondern ein strategischer Vorschlag, wie wir eine bessere Welt gewinnen können. Die Ordnung der Herrschenden ist auf Sand gebaut.« Denn soziale Sicherheit, demokratische Transparenz und radikaler Klimaschutz gehören zusammen.

    Bernd Riexinger:
    System Change
    VSA
    144 Seiten 12 Euro

    Anna Mayr erklärt, wie Armut durch Arbeitslosigkeit verhindert werden kann. Als Kind von Eltern ohne Jobs lernte sie früh, wie sich ein Leben mit Hartz IV anfühlt, und wie es ist, nicht dazuzugehören: »Eine gerechte Gesellschaft braucht deshalb nicht nur eine lebensfeste Sozialhilfe, sondern auch einen großen öffentlichen Sektor, der Menschen aufnimmt und ihnen Möglichkei-ten gibt, sich fortzubilden oder zu beschäftigen.« Im Kapitalismus gibt es nicht immer genug Arbeit. Wenn Menschen danach beurteilt werden, ob sie arbeiten, nimmt ihnen das ihre Würde.

    Anna Mayr:
    Die Elenden
    Hanser Berlin
    208 Seiten, 20 Euro

    Cordt Schnibben fragt, warum Regierende weltweit zögerten, als die Gefahr der Corona-Pandemie heraufzog: »Wie in der Klimakrise und der Migrationskrise zeigen sich Politiker unfähig, offensichtlichen, grundlegenden Fehlentwicklungen und Risiken mit nachhaltigem Handeln zu begegnen. Brauchen wir erst die Eskalation der Bedrohung, um zu spät das zu befolgen, was uns die Eskalation erspart hätte?« Ein Team von Wissenschaftlern und Reportern zeichnet faktenbasiert und detailliert in einem Tagebuch spannend nach, wie sich Covid-19 über den Globus ausbreitete.

    Cordt Schnibben, David Schraven (Hg.):
    Corona
    dtv
    368 Seiten, 18,90 Euro

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    Wie tickt ein »alter weißer Mann«? Zum Klischee dieser Spezies gehört auch, dass sie über Macht verfügt und fürchtet, sie zu verlieren. Die Feministin Sophie Passmann wollte herausfinden, was an diesem Bild stimmt. Sie interviewte einflussreiche Politiker, Künstler und Journalisten, darunter Kevin Kühnert, Claus von Wagner und Sascha Lobo.Ihre kurzweiligen Erinnerungen an diese Gespräche sind ein echtes Lesevergnügen, sie räumen mit vielen Vorurteilen über Männerherrschaft und Feminismus auf und beleben die Debatte darüber.

    Sophie Passmann:
    Alte weiße Männer. 
    Ein Schlichtungsversuch.
    Kiepenheuer & Witsch,
    288 Seiten, 12 Euro

    Woher nahm Meşale Tolu die Kraft, dem Erdoğan-Regime über Monate hinweg die Stirn zu bieten? Die Journalistin wurde im April 2017 verhaftet, weil die türkischen Behörden ihr vorwarfen, Terror zu unterstützen. Minutiös schildert sie, wie brutal die Polizisten sie und ihren zweijährigen Sohn bedrohten, erinnert den angespannten Alltag als politische Gefangene, die Auseinandersetzungen mit der Justiz. Vor allem mahnt ihr Buch, dass der Kampf für die Freiheit von Tausenden eingesperrten Oppositionellen, für die Presse- und Meinungsfreiheit weitergehen muss.

    Meşale Tolu:
    »Mein Sohn bleibt bei mir!«
    Rowohlt Polaris,
    192 Seiten, 12,99 Euro

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